1.1 Kommunalwahlkampf 2.0 – Erfahrungen und Tipps (Christoph Meineke)

Für Wahlkämpfer und gewählte Repräsentanten bietet das Web 2.0 neue Möglichkeiten zum Kontakt mit dem Bürger. Der Autor des folgenden Beitrags hat es im Rennen um das Bürgermeisteramt erfolgreich eingesetzt. In diesem Essay soll aus einer persönlichen Pers¬pektive heraus das neue Internet vorgestellt werden und die Chancen skizziert, die es für Kommunalpolitiker bietet. Auch Stolpersteine werden aufgezeigt.

 

I. Ja, ich habe gebloggt!

Zum Beispiel habe ich gebloggt, dass ich den Reitverein besucht habe, dass ich einen mittelständischen Zulieferer für KFZ-Werkzeuge besichtigt habe, dass ich ein Wahlkampfteam beisammen hatte. Vieles, was ich erlebte, habe ich online berichtet und in der ersten oder dritten Person mitgeteilt. Es war zu einer Zeit, da Microsoft Word noch keine standardisierte Formatvorlage für Blogs hatte und das Wort für die meisten Menschen noch nach „geblockt” klang – und damit eher nach zugeklappten Ohren denn neuen Kommunikationswegen.

Diese Wege erschienen mir als junger Einzelbewerber um ein Bürgermeisteramt ein Muss – da kam das neue, interaktive Internet, das Web 2.0, gerade recht. Es war im niedersächsischen Kommunalwahlkampf 2006. Die aktuellen Einträge auf meiner Homepage waren noch ein Durcheinander aus Pressemitteilung und Tagebuch, meine Auftritte in den Foren noch eine Mischung aus Stolpern und Schreiten. Doch neben Klinkenputzen und Terminen war der Online-Wahlkampf die wohl wichtigste Schnittstelle zum Bürger.

 

II. Das Web 2.0 ist lokal

Prosuming heißt das Erfolgsgeheimnis des neuen Internet. Der Begriff steht für das Miteinander aus Konsum und Produktion. Erst durch das aktive Mitwirken seiner Nutzer ist das Internet damit zum Web 2.0 geworden. Communities und Foren geben dem User eine Plattform, um Informationen abzurufen. Zugleich aber leben sie von der aktiven Beteiligung. Davon, dass die Konsumenten selbst produzieren und einbringen. Besonders im Lokalen ist dies spannend: Foren und Wikis, Blogs und Casts – das Netz der zweiten Generation lädt jeden ein, seine Lebenswirklichkeit abzubilden, die Faszination Alltag festzuhalten und Wissen, Meinung oder Forderung zu kommunizieren. Dadurch ist das Web persönlicher und informativer ge­worden, aber auch örtlich näher an den Nutzer gerückt. Die aktive Vernetzung mit Gleichgesinnten ermöglicht es, daheim Gestaltungswillen zu zeigen und Einfluss zu nehmen. Um Kommunen herum entwickeln sich „Communities” und damit eine neue Form politischer Mitwirkung. Das Lo­kale als unmittelbarer Lebensbereich erhält seinen Platz im Virtuellen.

Dank der aktiven und passiven Möglichkeiten des Web 2.0 lassen sich gerade im Wahlkampf viele Themen kommunizieren, aufgreifen, diskutieren. Die Einwohner befassen sich in den Wochen und Monaten vor der Stimmabgabe besonders intensiv mit ihrer Stadt und kommunalen Fragen. Ideen werden geboren, Interessen werden lauter ausgesprochen und leichter gehört. Die Bürger und ihr potenzieller Repräsentant können gemeinsam Felder aufarbeiten und entwickeln.

 

III. Mein Wahlkampf 2.0 

Als ich meinen Wahlkampf plante, war das Internet eines von drei Standbeinen der Kampagne. An erster Stelle stand der persönliche Kontakt, an zweiter die Online-Kommunikation und an dritter die gedruckte Werbung. Zum Bereich „online” zählte sowohl die eigene Homepage mit aktuellen Einträgen als auch die gezielte Kommunikation in sozialen Netzwerken. Durch das Internet erhoffte ich mir, günstig und individuell sowie zielgruppengenau Informationen weitergeben zu können. Immerhin handelte es sich um einen Wahlkampf ohne Partei im Rücken, mit knappem Budget und wenig Zeit bis zur Wahl. So viele Spuren wie möglich hinterlassen im Netz, lautete meine Devise, um die Bürger zur Kontaktaufnahme einzuladen und Themen breit zu kommunizieren.

Als unabhängiger Kandidat musste ich zunächst Unterstützungsunterschriften sammeln, um auf den Wahlzettel für die Abstimmung im September zu gelangen. Nach intensiver Vorbereitung gab ich an einem Freitag im Juli die Kandidatur bekannt. Am Samstag – bester Zeitungstag – wussten zum Frühstück die ersten Bürger bescheid. In dieser Phase hielt ich zunächst meine Homepage zurück, um diese erst zum eigentlichen Wahlkampfstart nach behördlicher Prüfung der Unterschriften zu präsentieren. Doch bereits zu diesem Zeitpunkt lief online eine „Kampagne vor der Kampagne”, um die Unterlagen fertig zu bekommen, die ich zum Antreten benötigte.

Zu Beginn waren die jungen Unterstützer wichtig, eine Zielgruppe, die ich als junger Kandidat mit ihren Wünschen und meinen Themen erreichen wollte. In sozialen Netzwerken wie kiezkollegen gaben meine Freunde die Info an ihre Bekannten durch. Im Flüsterton ging es durch das Internet, Bür­germeister will er werden. Mit 26. Einer von uns. Vor allem bei den jungen Wählern unter 30 Jahren stieg die Aufmerksamkeit für die bevorstehende Wahl.

Als einige Tage später meine Homepage ans Netz ging, wimmelte es schon an Verweisen und indirekten Hinweisen auf die Kandidatur. Ein guter Freund, der die Homepage professionell erstellt hatte, widmete sich auch der Pflege dieser virtuellen Späne, die sich um das Magnetfeld des Kandidaten ausrichteten. Spätestens als ich auf der Homepage begann, regelmäßig zu be­richten, wuchs die Gruppe Interessierter. Einträge und Kommentare folgten, die Familien und Senioren ansprachen, Feuerwehren und Vereine. Langsam verwischten die Grenzen der Kommunikationswege. Das Oszillieren zwi­schen Virtuellem und Realem begann, in der Sprache des Web 2.0 könnte man es als Mash Up bezeichnen. Vielfach war das, was ich nur online kommuniziert hatte, ein Thema auf der Straße oder dem Fußballplatz. Oder umgekehrt wurde das, was ich bei einer Veranstaltung von mir gegeben hatte, online hinterfragt.

Für den Wahlkampfalltag zeigt sich schnell der Vorteil des Internets: Während ich tagsüber Präsenz zeigte oder von Haus zu Haus ging, konnte ich in den Nachtstunden Mails beantworten, Texte für die Homepage verfassen und Online-Kontakte pflegen oder neue Mitstreiter auf elektronischem Weg motivieren. Damit ließ sich die kurze Zeit bis zur Wahl optimal ausnutzen.

Je näher die Wahl rückte, desto größer wurde der Kreis derer, die ich erreicht hatte. Die Spannung stieg, wie viele Stimmen ich holen könnte und ob es für den Schlüssel zum Rathaus reichen sollte.

 

IV. Tipps für den Umgang mit dem Web 2.0

Gerade für die politische Kommunikation wird das Web 2.0 elementare Bedeutung bekommen. Im Internet lassen sich Informationen kurzfristig und ohne namhafte Investitionen einem größtmöglichen Kreis an Interessierten zugänglich machen. Zugleich lassen sich diese so streuen und archivieren, dass sie auffindbar bleiben und weitergenutzt, kommentiert, in einer Debatte entwickelt werden können. Durch Interaktion und Vernetzung wird eine soziale Struktur mit ihren Verbindungen und Rückkopplungen aufgebaut, die dem Bürger eine aktive Rolle zuweist. Der Informationsfluss vom Bürger zum Politiker kann dabei ebenso neuartig gestaltet werden wie der vom Repräsentanten zu seinen Wählern. Reizvoll ist, dass im Konzert der Meinungen das Web 2.0 eine besondere Bandbreite der Präsentation bietet: Sei es durch ein den klassischen Forumskommentar, eine Bildstrecke, einen Hörbeitrag (Podcast) oder gar ein Video.

Für den Kommunalpolitiker entwickelt sich der Umgang mit dem Web zum Handwerk. Es ist ein Muss, die Präsenz im Internet überzeugend zu gestalten – nicht nur mit einer eigenen Homepage. Wichtig ist, dass auch der Ratskandidat oder Bürgermeister, die Stadträtin oder der angehende Landrat zum „Prosument” wird – und das nicht nur im Wahlkampf. Auf die richtige Mischung aus Beobachten und Mitmachen kommt es an.

Zunächst ist es wichtig, ein Gespür für das zu bekommen, was sich im Virtuellen tut. Welche Netzwerke und Foren gibt es, welche Akteure tummeln sich auf welchen Plattformen? Kurzum: Welche Community hat sich rund um die Kommune gebildet? Das Web 2.0 ist eine Graswurzel-Bewegung. In Blogs und Foreneinträgen finden sich spontan geschriebene Meinungen, die vielfach mit seismographischer Genauigkeit die Rezeption von Themen ebenso wie das Aufkommen öffentlicher Debatten abbilden.

Zum anderen bedarf es gezielter Präsenz, um neuartige Formen des Dialoges mit dem Bürger zu suchen und aufzubauen. Es muss nicht gleich ein eigener Blog oder der regelmäßige Podcast sein. Erste Erfahrungen aus Deutschland, Österreich, Schweiz und den USA zeigen, dass diese Anfänge noch zaghaft sind und sich erst langsam Lösungen zur überzeugenden Präsentation mit den Mitteln des Web 2.0 entwickeln. Das Erfolgsrezept für den richtigen Internetauftritt scheint eine Mischung guter, dauerhafter, aktueller Basisinformation über die Person und ihre politischen Ziele zu sein, gepaart mit einem positiven Überraschungseffekt, der neugierig macht.

Die Basisinformation des Repräsentanten lässt sich auf vielerlei Weise darstellen: die eigene Homepage, die eines politischen Ortsverbandes, der Stadt. Ergänzende Möglichkeiten geben auch Netzwerke wie Xing oder Facebook. Die Möglichkeiten des Web 2.0 können dabei – gewollt oder ungewollt – weitaus bedeutender sein als eine gut gemachte Homepage. Das Bild des Kandidaten oder Repräsentanten wird durch Suchmaschinen zusam­mengetragen. Da es Versatzstücke aus personenbezogener und Sachdiskus­sion sind, finden sich diese auf diversen Plattformen von einer Vielzahl an Urhebern. Dritte, durchaus auch Kritiker, erfüllen bei der Informationsleistung meist die Funktion eines Bürgen, den es bei subjektiv und selektiv wiedergegebener Auskunft auf der eigenen Homepage nicht gibt.

Entscheidend ist der aktive Schritt in die lokale Community. Dort können zielgruppengenau Meinungsbilder abgefragt werden. Auch kann die eigene Arbeit erläutert werden und vor allem bei kritischen Entscheidungen dem Bürger näher gebracht. Der schnellste Weg in den Kreis der Nutzer führt über das Mitwirken in einer Forumsdebatte. Gern gesehen ist auch ein Beitrag zu einem Online-Medium oder auf einer Vereins-Homepage. Reden und Gastauftritte lassen sich als Podcast wiedergeben – als eigenes Angebot oder durch die besuchte Institution.

Auch Stolpersteine lauern im Netz: Vorsicht ist bei der Wahl der Sprache geboten. Die Zahl der Politiker, die sich mit salopp gekünstelter Jugendsprache ins Herz der Zielgruppe schreiben wollen, steigt ebenso schnell wie die Anzahl all jener, die sich darüber lustig machen. Nach dem Motto ganz oder gar nicht, sorgt ein halbherzig geführter Blog für Unmut. Informationen, die nicht auf dem neuesten Stand sind, werfen schnell ein schlechtes Licht auf den nachlässigen Urheber. Wer sich für unregelmäßige Information entscheidet, sollte lediglich gewichtige Themen kommunizieren. Dazu lassen sich die Mitteilungen in einer Art Nachrichtenticker auf Homepages unterbringen. Durch sogenannte Feeds wie Atom oder RSS erhalten Abonnenten bei jeder neuen Nachricht eine kurze Info, bei deren Anklicken sie auf die Homepage mit der eigentlichen Meldung gelangen.

Gute Blogs sind rar – schon gar die Kommentare dazu. So sammelt sich schnell Unsachliches wie Unflätiges. Dass ein Politiker sich im Blog mitteilt, wird noch lange Zeit die Ausnahme bleiben. Doch wenn er sich dafür entscheidet, so muss er sich Zeit nicht nur für Gedanken nehmen, sondern zugleich für Pflege der Plattform. Kritik ist häufig nicht mehr mit einem Sender verbunden, sondern der Kritiker verbirgt sich in der großen Masse der Internetnutzer. Nicknames in Foren oder schwer zuzuordnende IP-Adressen, Verschleierung statt Bekenntnis zur eigenen Meinung, laden dazu ein, Gerüchte zu verbreiten. Nur rasche Reaktion bremst ihr Aufkommen und Wandern. Augenmerk sollte zudem auf der passiven Präsenz liegen – auch wenn diese kaum zu beeinflussen ist. Suchmaschinen bilden das Gedächtnis des Netzes. Im virtuellen Raum sammelt sich ein Sediment an Informationen, aus dem sich das Bild des Repräsentanten kleinteilig und nachhaltig zusammensetzt. Dies sollte zumindest als Grundlage zur Selbstreflektion und nachdenklichen Kritik am eigenen Wirken dienen.

 

V. Versuch und Fehler

Vieles im neuen Web entwickelt sich evolutionär und experimentell. Doch es ermöglicht Bürgerkontakt auf vielfältige Weise, der sich konstruktiv nutzen lässt. Auch wenn zunächst das Prinzip noch Versuch und Fehler heißt, in meinem Fall führte es zum Erfolg: Rund ein halbes Jahr nach Beginn des Wahlkampfes durfte ich mein Amt als jüngster hauptamtlicher Bürgermeister Niedersachsens antreten – auch dank des Web 2.0.

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