1.3 Online-Videos in der politischen Kommunikation (Tatjana Brode)

Im Internet kann potenziell jeder seinen eigenen Fernsehkanal betreiben: Die Kosten für Produktion und Verbreitung von „Bewegtbildern“ sind vergleichsweise niedrig. Für die Politik besteht darin nicht nur ein neues PR-Instrument, sondern eine Chance, Bürger stärker an politischen Entscheidungsprozessen teilhaben zu lassen. Videobasierte Bürgermedien leisten einen Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs.

 

I. Videos als Kommunikationsform

Gegenüber dem Fernsehen haben Videos im Internet eine ganze Reihe von Vorteilen für die Nutzer: die Unabhängigkeit von Sendezeiten, die Pausentaste, eine größere inhaltliche Vielfalt, die Verfügbarkeit von Zusatzinformationen ohne Medienbruch, den Rückkanal für Kommentare, die Nutzung variabler Abspielgeräte.

Entscheidend ist jedoch, dass die Produktion und Verbreitung von Be­wegtbildern nur noch ein Bruchteil dessen kostet, was zum Betreiben eines Fernsehsenders nötig ist. Mit Videokamera und Schnittsoftware kann potenziell jeder Videos produzieren, zur weltweiten Veröffentlichung reicht inzwischen ein Internetzugang.

Die Verbreitung von journalistischen Video-Inhalten ist damit nicht mehr den Fernsehsendern vorbehalten. Website-Betreiber aus ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen bieten Bewegtbilder an: Unternehmen präsentieren ihre Produkte oder schulen ihre Mitarbeiter per Video, NGOs verdeutlichen ihre Ziele (Greenpeace TV), junge Bands stellen sich vor, Vereine zeigen Highlights ihrer Arbeit, Institutionen übertragen Konferenzen und Vorträge etc. Auch die Politik präsentiert sich zunehmend in Bewegtbildern, vom Bundestags-TV über persönliche Ansprachen bis zum Wahlkampf auf YouTube.

 

II. Videoplattformen und Podcasts

Für die Bereitstellung von audiovisuellen Inhalten im Internet haben sich verschiedene Modelle entwickelt. Die Übertragung von Videodaten über das Netz wird als Web TV bezeichnet, die Datenübertragung erfolgt durch das sogenannte „streaming”. Damit die Übertragung funktioniert, wird eine Netzwerkverbindung zwischen Streamingserver und dem PC des Nutzers aufgebaut. Der Vorgang der Datenübertragung besteht aus dem Empfangen und gleichzeitig Wiedergeben der Videoinhalte.

Videoplattformen bieten ihren Nutzern kostenlos an, Videos allen Internetusern verfügbar zu machen. Sie stellen die dafür nötige technische Infrastruktur bereit. Um sich in riesigen Anzahl von Videoclips zurechtzufinden, werden die Videos verschlagwortet und können so durchsucht werden. Zentral ist die Kommentarfunktion, Nutzer bewerten und kommentieren die Inhalte. Ein weiterer Vorteil: die Videos können in andere Websites eingebunden und von diesen aus abgespielt werden.

Podcasts wiederum sind Serien von Medienbeiträgen (Audio oder Video) im Netz. Abonniert man einen Podcast, prüft eine Software regelmäßig, ob neue Beiträge vorliegen und lädt diese automatisch herunter. Der Nutzer spielt die Dateien dann lokal auf dem Computer oder einem mobilen Endgerät wie dem iPod ab. Ein Podcast ist vergleichbar mit einer Sendung, die immer neue Folgen anbietet.

 

III. Videonutzung im Netz

Das wichtigste Informationsmedium der Deutschen ist nach wie vor ist das Fernsehen. Unter den jüngeren ist das Internet inzwischen jedoch auf Platz 2 vor Radio und Presse geklettert. Mehr als ein Drittel, 38,7%, der 14- bis 64-Jährigen in Deutschland nutzt das Internet täglich (Allensbacher Computer- und Technik-Analyse ACTA, 2007). Das sind 19,3 Mio. Bürger. Parallel dazu ist die Zahl der Breitband-Anschlüsse an das Internet gestiegen, auf 17 Mio. bis Ende 2007. Damit lassen sich nicht nur Texte und Bilder, son­dern auch Bewegtbilder problemlos anschauen. Die Kosten für die Datenüber­tragung sinken stetig.

Die Übertragung von Videos über das Netz ist somit entscheidend kom­fortabler und günstiger geworden. 34% der Deutschen nutzt mittlerweile Vi­de­os im Internet, Tendenz steigend (Onlinestudie von ARD und ZDF, 2007). Vorreiter sind die Jüngeren: Unter den 14-18-Jährigen sind es 69%, also fast dreimal so viele wie im Bevölkerungsdurchschnitt. In der Altersgruppe
40-49 Jahre sind es beispielsweise 24%.

Die Generation, die mit den digitalen Medien aufgewachsen ist, lebt anders mit dem Internet als die meisten Älteren. Das Durchschnittsalter der Besucher von Video-Plattformen liegt laut ACTA bei 22 Jahren (zum Vergleich: Blogs – 25 Jahre, Nachschlagewerke – 30, Politik-Nachrichtensites – 40). Auch die Veröffentlichung eigener Videos scheint noch eine Domäne der Jüngeren zu sein, hierbei liegt das Durchschnittsalter bei 18 Jahren.

 

IV. Potenziale für die Politik

Obwohl bei der Nutzung von Online-Videos die Unterhaltung dominiert, kann ihr Einsatz für die politische Willensbildung zumindest einer Teil­öffentlichkeit sinnvoll sein. Prinzipiell eröffnet das Internet neue Möglichkeiten für die Politik. Es existiert ein direkter Kommunikationskanal zwi­schen politischen Entscheidern und Bürgern – ohne die Filter der „Gate­keeper” wie in den klassischen Medien. Politische Inhalte werden im Netz derzeit erster Linie in Form von Texten und Bildern dargestellt, inzwischen gewinnen aber auch audiovisuelle Medien an Bedeutung. Videos gewähren vielen Bürger einen leichteren Zugang zu einem Thema als Texte.

Politiker-Homepages, -Blogs oder -Podcasts erlauben darüber hinaus eine stärkere Personalisierung der Entscheidungsträger. Prominentes Beispiel für einen Politiker-Podcast ist der von Bundeskanzlerin Angela Merkel, nach eigenen Aussagen war sie damit die erste unter den Regierungschefs. Seit Juni 2006 veröffentlicht sie wöchentlich ein neues Video, in dem sie zu aktuellen Themen Stellung nimmt. 10.800 Euro kosten eine Folge laut Bundespresseamt, wöchentlich greifen rund 200.000 Nutzer darauf zu (Stand: Oktober 2007). Vorteil für die Politiker ist, dass sie ihre Arbeit ungefiltert vermitteln können. Hinzu kommen aber zwei wesentliche Bestandteile des Web 2.0: Die Möglichkeit der Vernetzung und die der Partizipation der Bürger, beispielsweise in Form von Kommentaren.

Informationen über politische Entscheidungsprozesse können online zeitnah und in beliebiger Ausführlichkeit veröffentlicht werden, die Transparenz selbst in „Nischenthemen” steigt. Sitzungen oder öffentliche Auftritte lassen sich technisch unkompliziert per Video ins Internet übertragen.

Die Bürger haben jederzeit – je nach Bedarf und Interesse – die Möglichkeit, auch von zu Hause an Stadtrats- oder Ausschusssitzungen teilzunehmen, dies kann auch zeitversetzt erfolgen. Zumindest bei stark umstrittenen Themen in der Kommunalpolitik ist eine Videoübertragung ein positives Signal an die Bürger und macht unterschiedliche Positionen nachvollziehbar.

 

V. Die Nutzer als Produzenten

Informationen, Dokumentationen und Kommentare zum aktuellen Ge­schehen per Video werden im Netz nicht nur von offizieller Seite, sondern gerade auch von den Nutzern selbst produziert. Sie eröffnen Möglichkeiten der individuellen Meinungsäußerung und des Wissensaustausches. Die Bandbreite der Themen ist dabei enorm, die Qualität der Beiträge heterogen. Diese jedoch als bloßes „mediales Rauschen” abzutun, würde bedeuten, weite Teile gesellschaftlicher Interessenslagen zu ignorieren. Gerade auf kommunaler Ebene, so zu sagen vor der eigenen Haustür, ist das Wissen der Bürger groß. Das Internet schafft unzählige themenbezogene Kanäle, in denen sich Gleichgesinnte treffen.

Ein Beispiel: Die Website hartplatzhelden.de ist Deutschlands erste Community-Plattform für Amateurfußballer. Kreisligisten können Videomitschnitte aus ihren Spielen veröffentlichen, gegenseitig bewerten, das „Tor des Monats” küren und miteinander in Kontakt treten. 2.000 Videos sind in den eineinhalb Jahren seit dem Start im November 2006 hochgeladen worden. Was ist das Besondere? Steffen Wenzel, einer der Gründer von hartplatzhelden.de, erklärt: „Wir schaffen einen Raum für Selbstdarstellung unter seinesgleichen. Menschen möchten im Internet ihr ‚normales‘ soziales Umfeld erweitern.”

Gerade im kommunalen Bereich sind die Themen oft für eine kleine Bevölkerungsgruppe hochgradig relevant, während sich andere nicht dafür interessieren. Das Internet ermöglicht, dass sich einzelne Gruppen eigene Diskursräume schaffen. Bürgerinitiativen, Vereine, lokale Interessens­grup­pen können sich themenspezifisch miteinander vernetzen. Für die Kommunalpolitik ist es wichtig, diese Inhalte zu beobachten, um Interessenlagen einzelner Bevölkerungsgruppen besser wahrzunehmen.

 

VI. Bürgerjournalismus zu politischen Themen

Eine Stimme, die sich im Netz zu politischen Themen äußert, kommt aus Berlin und gehört Markus Beckedahl, der das Blog netzpolitik.org betreibt. Seine Themen sind Freiheit und Offenheit im digitalen Zeitalter. Seit 2006 experimentiert er mit dem Video-Podcast Netzpolitik TV, in dem er Interviews und Dokumentationen veröffentlicht. Manche von ihm produzierte Folgen sind 10.000 Mal abgerufen worden, andere ca. 500 Mal.

„Es hat schon Charme, wenn man seinen eigenen Fernsehkanal hat”, sagt Beckedahl. Generell kommt es ihm darauf an, einen tieferen Einblick in Politikfelder zu geben. „Wir geben Experten die Möglichkeit, ausführlicher zu argumentieren als in den klassischen 15 Sekunden. Und damit sind die Podcasts auch ein wenig Weiterbildung für die Nutzer.” Er ist aber auch realistisch, was die User seines Blogs betrifft: „Man nicht zu viele Erwartungen in neue Kommunikationsformen legen. Es gibt Teile der Gesellschaft, die sich auch weiterhin nicht für Politik interessieren werden.”

Für die Interessierten aber sind Angebote wie Netzpolitik TV durchaus hilfreich in der Debatte und Bewertung politischer Prozesse. Bürgermedien sind nicht mehr nur das Knusperwerk auf dem Kuchen der öffentlichen Meinungsbildung, sondern ein wichtiger Bestandteil neben den klassischen Massenmedien. Für Politiker sind sie zunehmend eine interessante Plattform, um Bürger an Entscheidungsprozessen teilhaben zu lassen.

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