1.4 Interview zu Online-Videos im Einsatz: Das Beispiel Hannover (Tatjana Brode)

Hannovers Oberbürgermeister Stephan Weil wendet sich in regelmäßigen Abständen per Video an die Einwohnerschaft der niedersächsischen Landeshauptstadt und diskutiert in monatlichen Fern­sehsendungen über Stadtpolitik. Seit September 2007 sind seine Pod­casts im Netz, seit Anfang 2008 wird das TV-Format „Wir reden über Hannover” ausgestrahlt. Rund 140.000 Besuche verzeichnete allein die eigens dafür eingerichtete Website in acht Monaten. Eine Erfolgsgeschichte?

Frage: Herr Oberbürgermeister Weil, warum haben Sie sich für einen Video-Podcast entschieden?

Weil: Mit dem Podcast möchte ich die Einwohner besser erreichen. Das Interesse an Politik allgemein ist in den vergangenen Jahren gesunken. Beispielsweise geht die Wahlbeteiligung dramatisch zurück, ich registriere eine gewisse Politikmüdigkeit. Da ist es umso wichtiger, neue Wege zu gehen.

Dieser Baustein in meiner Kommunikationsstrategie richtet sich auch insbesondere an Menschen, die nicht mehr regelmäßig Zeitung lesen, sondern die sich über das Internet informieren. Hinzu kommt, dass audiovisuelle Angebote an Bedeutung gewinnen, neben dem Fernsehen schauen viele, insbesondere in den jüngeren Generationen, inzwischen Videos online.

Frage: Und wie kommt das Angebot bei den Nutzern an?

Weil: Die Nutzerzahlen steigen stetig, der Bekanntheitsgrad wächst. Immerhin muss sich ein solches Angebot erst etablieren, es ist ja durchaus nicht selbstverständlich, dass ein Bürgermeister einen Podcast anbietet.

Dazu kommt, dass wir uns bewusst den Jugendlichen nicht anbiedern, sondern authentisch bleiben wollen. Daher sind wir bisher nicht dahin gegangen, wo der „Hype” ist, wo sich die jungen Leute tummeln. Zum Beispiel YouTube: Wir prüfen noch, ob dort nicht auch das richtige Umfeld für unser Angebot sein könnte.

 

Frage: Gibt es Reaktionen von den Bürgern?

Weil: Ja, wir bekommen häufig Nachfragen zu den einzelnen Folgen. Viele per Mail, manche per Telefon und mitunter auch welche per Post.

Frage: Können Sie uns bitte etwas über die Produktionskosten verraten?

Weil: Wir produzieren die Podcasts inhouse, daher sind die Kosten nicht hoch. Wir haben vor sechs Jahren eine kleine Videokamera angeschafft, die wir dafür nutzen. Ein Mitarbeiter kennt sich glücklicherweise ausgezeichnet mit Schnittsoftware und Technik aus, der produziert die Videos. Sogar die Musik und das Videomaterial für den recht ansprechenden Vorspann wurden im Rathaus komponiert bzw. produziert. Es ist wichtig, dass sich jemand in die Materie einarbeitet, damit das Ergebnis stimmt. Man braucht jedenfalls keine großen Agenturen, bei denen eine Folge vielleicht Tausende Euro kostet.

Frage: Für welche Themen eignet sich das Format Ihrer Erfahrung nach besonders?

Weil: Erfolgreich sind lokale Themen, die direkt das tägliche Leben der Bürger betreffen. Ich nenne Ihnen einige Beispiele: das Rauchverbot, die Einführung der Umweltzone oder das – zumindest in Teilen der Bevölkerung umstrittene – Vorhaben der Firma Boehringer-Ingelheim, in Hannover ein Europäisches Tierimpfstoffzentrum zu errichten. Wenn ein Thema den Menschen unter den Nägeln brennt, wird es natürlich auch von den Medien aufgegriffen. Dann merken wir sofort an den Zugriffszahlen, dass das Interesse am Podcast steigt.

Frage: Was sind Ihre weiteren Pläne, wie wird sich das Angebot entwickeln?

Weil: Wir arbeiten derzeit an einer Verbesserung des Formats: Bisher werden die Videos beinahe ausschließlich an meinem Schreibtisch aufgenommen; in Zukunft werden wir mit Hilfe neuester „Bluescreen-Technik” im Hintergrund Bilder, Filme oder Informationstafeln passend zum jeweiligen Thema einblenden, um so den Inhalt visuell überzeugend aufzuwerten – ähnlich wie bei Reportagesendungen im Fernsehen.

Frage: Kommen dann auch die Bürger zu Wort?

Weil: Die Podcasts aus dem Rathaus sind ein Kommunikationsangebot des Oberbürgermeisters. Darüber hinaus bieten wir im Zusammenarbeit mit dem örtlichen Fernsehsender h1 ein monatliches Format mit dem Titel „Wir reden über Hannover” an, bei dem ich mich im Rahmen von jeweils einstündigen Themensendungen den Fragen von zwei Journalisten stelle; währen der Sendung können Einwohner direkt anrufen oder sich mit Fragen, Kritik und Anregungen per Fax oder Mail zur Wort melden. In einer weiteren Sendereihe diskutiere ich mit Experten.

Frage: Wo sehen Sie künftige Handlungsfelder im Bereich Web 2.0?

Weil: Zunächst müssten wir uns auf eine Begriffsdefinition einigen, denn aus meiner Sicht ist der Begriff „Web 2.0″ nur ein Jargonausdruck zu Zwecken des Marketings – niemand weiß wirklich, was er bedeutet. Generell sehe ich in den kommenden Jahren für alle Altersgruppen eine ungebremste Zunahme der Bedeutung des Mediums Internet und dessen universelle Möglichkeiten. Daher wird es für die kommunalen Verwaltungen wichtig sein, ihre Kommunikationswege und Dienstleistungen konsequent auf dieses Medium auszurichten, ohne dabei die hergebrachten Wege zu vernachlässigen. Die Stadt Hannover nimmt hier bundesweit eine Vorreiterrolle ein, da sie mit ihrem modernen Informations- und Kommunikationsangebot schon jetzt sogenannte Web-2.0-Anwendungen anbietet.

Das Interview führte Frau Tatjana Brode

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