1.5 Journalismus 2.0: Erfahrungen beim Aufbau eines lokalen Internetmagazins (Reinhild Haacker)

Welche Chancen bietet das Internet für neue Formen der Bürgerbeteiligung? In einem Dorf bei Hamburg entstand 2007 ein lokales Internetprojekt – unabhängig von wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Verflechtungen. Ergebnis: Das Internet eröffnet die Kommunikationsebene für eine neue Bürgergeneration. Ohne engagierte Menschen, die als lokale „Web-Alphatiere“ Kontinuität und Vielfalt garantieren, geht es aber nicht.

 

I. Wo das Netz zum Greifen nahe ist

Ein Wort vorab: Vom Begriff „Web 2.0″ – so treffend er sein mag – soll auf den nächsten Seiten nicht die Rede sein. Xing, Flickr, StudiVZ: was für eine bestimmte Gruppe von Menschen inzwischen wie selbstverständlich zum Aufrechterhalten des Soziallebens gehört, klingt für viele User des im Folgenden beschriebenen Projekts eher nach Schokoriegeln oder chinesischen Kartenspielen.

Die lokale Welt, in der im Jahr 2007 „Wir in Wentorf” entstand, ist von virtuellen Lebensformen weit entfernt. Hier, kurz hinter der Stadtgrenze Hamburgs, gibt es die wahre Welt. Fast wöchentlich werden die Probleme des 11.600-Seelen-Ortes nicht beim Chat, nicht im Forum, sondern höchstpersönlich im zweiten und zugleich obersten Stockwerk des Rathauses diskutiert. Sollte der lokale Sportverein Gesundheitskurse anbieten? Sollte auf dem Marktplatz ein Cafe gebaut werden? Sollten man die Standorte für Papier- und Glascontainer überdenken? Darüber wird gestritten – persönlich, in Ausschüssen, Fraktionssitzungen oder während des Smalltalks auf der Straße. Im Schriftverkehr zwischen Bürger, Parteien und Verwaltung regiert das Papier, im kommunalen Entscheidungsprozess stemmt sich ein starres Verfahrensschema gegen die inzwischen bereits gängige Kommunikation per E-Mail.

 

II. Lücken im lokalen Netz

Wentorf ist zugleich ein Beispiel dafür, dass das Internet sich in kommunalen Bereichen mit Eigendynamik schwer tut. Während man mit wenigen Klicks die wichtigsten Probleme der Bundespolitik zu googlen vermag, ist es im lokalen Bereich zuweilen schwierig, über das Internet ein aktuelles Bild über lokalpolitische Themen zu erhalten. Diese Lücke wollte „Wir in Wentorf” schließen. Es handelte sich um eine private Initiative der Autorin, die in dieser Zeit unter anderem als freie Journalistin für Spiegel Online im Einsatz war.

Die Theorie: Was bundesweit erfolgreich ist, kann auch auf lokaler Ebene funktionieren – und sollte langfristig durch Werbung Geld einbringen. Nur die erste Hälfte der Theorie erfüllte sich tatsächlich. Aktuell ruht die Seite auf Grund anderer beruflicher Verpflichtungen der Initiatorin. Denn während die Information durch das Internet ein hohes Maß an Resonanz hervorrief – eine wirtschaftliche Tragfähigkeit ergab sich zunächst daraus nicht. Der folgende Text beschäftigt sich allerdings unabhängig von der Finanzierung mit den Fragestellungen:

  • Was kann ein lokales Internetmagazin bieten?
  • Wie werden User zu Machern?
  • Wie wird Qualität und Akzeptanz gewährleistet?

 

III. Das Projekt „Wir in Wentorf“

Drei Grundsätze wurden als inhaltliche Ziele des im März 2007 gestarteten Internetmagazins „Wir in Wentorf” formuliert:

  1. Aktuelle Information
  2. Service
  3. Interaktion

Aktuelle Nachrichten dominieren die Startseite von „Wir in Wentorf”. Eine übersichtliche Navigation, einheitliche Farbgebung und eine nicht zu komplexe Seitengestaltung sollen dem Leser einen Überblick über aktuelle Themen liefern.

Aktuelles aus Polizei, Wirtschaft und Politik, Termine, Flohmarkt – etwa dreimal wöchentlich wurde die Startseite von „Wir in Wentorf” aktualisiert, auch einen Newsletter gab es. Das Angebot erfreute sich wachsender Beliebtheit: Während sich in den ersten Wochen nur wenige Nutzer auf den Seiten verliefen, steigerte sich die Nachfrage binnen drei Monaten auf rund 3.700 Besucher und 8.600 Seitenanfragen monatlich. Lächerlich klein war die Ausbeute im Verhältnis zu manch anderer Nachrichtenseite – wenn man allerdings bedenkt, dass zu diesem Zeitpunkt nur die rund die Hälfte des Ortes an das DSL-Netz angeschlossen war, erstaunte jedoch die Zahl der unterschiedlichen IP-Adressen, von denen aus die Seiten aufgerufen wurden. Im Monat wurde die Seite von bis zu 2.000 Rechnern aufgerufen. Auch im Ausland nutzen offensichtlich ehemalige oder urlaubende Wentorfer die Nachrichten-Seite für Informationen aus der Heimat. „Wir in Wentorf” wurde in den vergangenen Monaten sogar aus Thailand, Kanada, USA, Türkei und Großbritannien geklickt. Der am weitesten entfernte Besucher kam aus Chile.

 

IV. Lokale Berichterstattung und Aktualität

Was löste den Feuerwehr-Großalarm im Ortszentrum aus? Wie kam die Aufführung des gestrigen Theaterstücks an? Gelingt der Weltrekord des Friseurs im Dauer-Haarschneiden? User von „Wir in Wentorf” oftmals weitaus früher über lokale Geschehnisse informiert, als die Leser der heimischen Lokalzeitung, die einmal wöchentlich eine Seite über den Ort zusammenstellte. Entscheidungen aus dem Rathaus landeten zumeist am nächsten Tag bei „Wir in Wentorf”, ebenso bilderreiche Berichte von Veranstaltungen.

Dank der reichhaltigen Arbeit der Pressesprecher von Polizei, Parteien, Sportvereinen und organisierten Gruppen bestand die Arbeit im Wesentlichen aus der journalistischen Aufbereitung von Fremdmaterial. Viele Texte und Bilder landeten täglich in der Mailbox von „Wir in Wentorf”, sodass eine Verarbeitung von Themen zügig erfolgen konnte. Beispiele sind:

  • Zwei Plattfüße, zwei Promille – da war der Führerschein weg. Polizei stoppt betrunkenen Autofahrer in Wentorf
  • Trotz Schwächeanfalls und zerschnittener Finger: Nico hat’s geschafft. 300 Frisuren in 24 Stunden: Nico Petrillo brach eigenen Weltrekord
  • Drei Brände und ein Baum halten Feuerwehr in Atem. Vier Einsätze am Sonntag/Feuer in Kellerraum am Wischhoff
  • Baustellen-Chaos: Dreiste Autofahrer fahren über Gehweg. Viele Einbahnstraßen-Sünder – Verstärkte Kontrollen angekündigt

 

V. Service

Das tägliche Wetter, Veranstaltungskalender, Ausflugstipps, Tagesmutter-Adressen, Links – Der Service-Aspekt ist bei „Wir in Wentorf” ein wesentlicher Faktor. Informationen über die Gemeinde und Aktivitäten von Senioren machten für viele User das Internet für die tägliche Information greifbar.

 

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