2.2 Diskurs 2.0 — Anzeichen für eine neue Öffentlichkeit (Markus Klima, Rafael Wawer)

Im Vergleich zu Blogs und Foren muss eine zeitgemäße Diskursmaschine 2.0 das volle Spektrum technischer Möglichkeiten abdecken. Sie soll ein Thema nicht nur fallbezogen wie eine Homepage mit Texten, Bildern oder Videos präsentieren. Sie lassen sich als neue Medien begreifen, die öffentliche Diskussionen einer breiten Bevölkerungsschicht zugänglich machen – und zwar insofern, als dass die Herkunft, das Geschlecht, der Lebenslauf oder der Wohlstand des Teilnehmers ihn zum ersten Mal in der Geschichte nicht daran hindern, seine Ansicht medienwirksam und beinahe kostenlos kundzutun.

 

I. Commonplace Books und Hypomnema

Diskurs ist die Mechanik des Sichmitteilens. In der Zeit von Aristoteles mögen Marktplätze ausgereicht haben, um in hitzigen Debatten die Belange eines griechischen Stadtstaates zu diskutieren. In einem Staat aus Millionen von Bürgern jedoch findet zur besseren Archivierung und Transparenz des Dialoges der Diskurs schriftlich statt. Am Anfang waren daher Bücher das verbreitete Medium, darauf folgten Zeitungen und Zeitschriften, und während des letzten Jahrhunderts Radio, Film und Fernsehen. Die Vermittlerschicht, welche die Information an die Öffentlichkeit ohne literarische Ambitionen trug, wurde der Journalismus. Totalitäre Regime nutzten jene Transmitterschicht aus, um sich einer propagandischen Indoktrination zu bedienen. Diese klassische Form der Medien hatte ihre goldene Ära im 20. Jahrhundert.

Der 1984 verstorbene Philosoph Michel Foucault, Erfinder des modernen Diskursbegriffes, kritisierte die zunehmende Macht der selektiven Medien, um darüber zu beraten, wie eine demokratische Gesellschaft am öffentlichen Diskurs teilhaben könne (dazu Yoo 1993). Einer von Foucaults letzten Beiträgen erschien 1983 mit dem Titel „Über sich selbst schreiben”. Darin erzählt Foucault von „Commonplace books” und „Hypomnema”.

Commonplace books waren so etwas wie mittelalterliche Foren. Aus Mangel an billigem Papier stellte England während des 15. Jahrhundert. öffentliche Bücher zu Verfügung. In diesen fanden sich Zitate, Briefe, Poesie, aber auch anregende Kommentare, Petitionen und medizinische Empfehlungen. Die ursprüngliche Idee, andere teilhaben zu lassen, verlor sich mit der Zeit und mit dem Aufkeimen des Buchdrucks und der Papierherstellung gerieten die Commonplace books in Vergessenheit.

Im Römischen Reich soll eine weitere Form des öffentlichen Schreibens existiert haben. In die Hypomnema schrieben Autoren, welche sich als zwar schreibend, aber nicht künstlerisch verstanden, welche persönlich aber nicht privat Bücher verfassten, die wiederum öffentlich ausgestellt waren. Ihre Beiträge handelten von Krankheit, Mystik und Philosophie, aber auch Politik. Sie verwiesen untereinander und führten schriftlich Konversation, die jedem einsehbar war. Der einzige Nachteil auch hier waren die Kosten, weswegen Hypomnema nur von reichen Patriziern betrieben wurden.

Einer ihrer berühmtesten Vertreter war der römische Kaiser Marcus Aurelius, der von 161 bis 180 neuer Zeitrechnung regierte. Er würde heute fälschlicherweise als Schriftsteller interpretiert, so Foucault. Aurel beschrieb per­sönliche Erlebnisse und anderntags führte er Krieg gegen die Parther und Germanen. Nach Foucault hätte das Christentum ihn also missverstanden, da es alles Privatschriftliche bis in die Moderne hinein auf Memoiren, die nach dem Ableben des Autors publiziert werden, verschob oder als Kunst interpretierte. Die Idee von Autoren, die keine Künstler waren, aber dennoch für die zeitgenössische Öffentlichkeit persönlich schrieben, wurde damit undenkbar und ging für unsere Gegenwart verloren.

 

II. Blogs als persönliches öffentliches Schreiben

Blogs wurden zu einem Phänomen. Während Foren der Erörterung von Fachfragen dienen, agieren Blogs als persönliche „Journale” privater Personen, die Teil der Öffentlichkeit werden. Von Anfang an haftete den Blogs etwas Unprofessionelles an. So wurden Blogger als Teil des „Grassroots Journalism” (Gillmor 2004) bezeichnet. Ein Blog ist schließlich schnell konstruiert, einfache Anwendungen ermöglichen binnen weniger Schritte, Teil der Öffentlichkeit zu sein. Mit dem Aufkommen der neuen Software schwoll die Anzahl von Blogs auf 200 Millionen an (Randow 2006). Nicht alle Blogs handeln von Ausflügen und Mahlzeiten. Es entstanden beispielsweise „Warblogs”, die quasi in Echtzeit Bilder, Links und Texte über das Geschehene publizieren – manchmal sogar aus dem Krisengebiet selbst.

Ein Autor der Süddeutschen Zeitung vom 29.11.2001 betitelte seinen Artikel schon „Privat ist öffentlich ist privat”, bevor der Begriff Web 2.0 überhaupt bekannt war. Für Rebecca Blood (2005) sind Blogs daher die „demokratischen Medien” der Gegenwart, da die neuen Medien von Personen und Gruppen betrieben werden können, denen der direkte Zugang zu traditionellen Medien verwehrt bleibt. Um einen Blog zu betreiben, sind kaum technische Kenntnisse nötig. Auch der politische Diskurs erfährt damit eine neue, barrierefreie Dimension. Die neue Vermittlerschicht sind nicht mehr nur Redaktionen, sondern zunehmend Blogger, die mit Blogs an der Öffentlichkeit partizipieren. Mercedes Bunz (2000) nannte einst das ganze Phänomen „Internet” eine Diskursmaschine. Der Begriff ist jedoch zu weit gegriffen. Diskursmaschinen sind die Werkzeuge, also die Mitteilungsapparate der Blogger, User, Menschen diesseits der Bildschirme und Steckdosen.

 

III. Gesucht: die zeitgemäße „Diskursmaschine“

Im Vergleich zu Blogs und Foren muss eine zeitgemäße Diskursmaschine 2.0 jedoch das volle Spektrum technischer Möglichkeiten abdecken. Sie soll ein Thema nicht nur fallbezogen wie eine Homepage mit Texten, Bildern oder Videos präsentieren. Wie ein Forum besteht vielmehr die Notwendigkeit, die Vernetzung von Artikeln und Nutzern, Kommentare sowie Moderator­funk­tionen zu implementieren. Anders als bei Foren ermöglicht eine echte Diskursmaschine den Autoren einen Artikel-Blog, der sich wiederum in den Ge­samtdiskurs „einklinkt”. Moderatoren betreuen Teilnehmer einer Diskurs­ma­schine, indem ein Kommentar zum Artikel werden kann, der wiederum neue Kommentare und Ideen speist. Es entsteht ein Dialog in Echtzeit.

Gleichwohl sollte eine Diskursmaschine dafür Sorge tragen, dass Diskurse in Etappen zu Lösungen kommen, um „Meilensteine” von Vorschlägen und Lösungsansätzen zu schaffen, um Leser wie Moderation nicht mit einer „nebulösen” Kommentarflut zu ermüden. Eine Eigenschaft, die Zeitungen, Büchern et cetera in der gleichen Zeitspanne verwehrt bleibt. Wie ein natürliches Gespräch folgt eine Internet-gestützte Diskussion der Argumentationsrhetorik. Beiträge werden zur weiteren Auswertung digital zur Verfügung gestellt. Ein Beispiel ist das Berliner Tempelhof-Entwicklungsprojekt „Tempelhofer Freiheit” 2008, bei dem eine Agentur Vorschläge zur Planung auf Realisierungsmöglichkeiten hin auswertet.

Für Kommunen und Unternehmen ergeben sich daraus vielseitige Ansätze. Durch eine Diskursmaschine bekommt eine Führungsposition ein Gesicht, eine Stimme, wird lebendig, wenn sie als Blog genutzt wird. Der bekannteste bloggende CEO ist Jonathan Schwarz, Präsident von Sun Microsystems. Oder es werden interne Blogs, Foren, Instant-Messenger und Wikis angelegt. Man vertraut auf interne Wikis, welche abteilungsrelevante In­formationen, Hilfen, Dokumentationen und Tipps gut zugänglich über eine Intranetseite verfügbar machen. Zu den Nachteilen des CEO-Blogs gehören die Erwartungen an den Autor (Kompetenz, Glaubwürdigkeit, Persönlichkeit), die schnell umschlagen können in aus dem Zusammenhang gerissene Kritik. Denn wer lesen kann, kann noch lange nicht schreiben. Davon bleiben Intranets einer Organisation allerdings meist unberührt.

„Customer-Blogs” sind keine Seltenheit mehr, und es finden sich darunter „Supportblogs”, „Serviceblogs”, „Kampagnenblogs”, „Themenblogs”, „Pro­dukt­blogs” und „Krisenblogs”. Und um Bürger an den politischen Diskurs zu binden, verlagert man Bürgerbeteiligungsverfahren und -entscheidungen idealerweise in eine umfassende Diskursmaschine – nicht nur in ein simples Web-Forum.

 

IV. Eine neue Öffentlichkeit?

Für Bowman und Willis (2003) sind dies Anzeichen für eine neue Öffent­lichkeit: “The act of a citizen, or group of citizens, playing an active role in the progress of collecting, reporting, analyzing and disseminating news and information. The intent of this participation is to provide independent, reliable, accurate, wide-ranging and relevant information that a democracy requires.” Man könnte auch sagen, dass die digitale Gegenwart die Renaissance der Commonplace books, der Hypomnema ist, oder aber, dass sie Teil einer neuen dynamischen Öffentlichkeit und ihrer Mechanik ist.

Wenn Worte zu Sprache geronnene Gedanken sind, so sind Diskurs­ma­schinen die neuen Medien, die öffentliche Schriftdiskurse einer breiten Be­völkerungsschicht zugänglich machen – und zwar insofern, als dass die Her­kunft, das Geschlecht, der Lebenslauf oder der Wohlstand des Teilnehmers ihn zum ersten Mal in der Geschichte nicht daran hindern, seine Ansicht medienwirksam und beinahe kostenlos kundzutun.

Literatur

Yoo, J. 1993: Diskursive Praxis diesseits von Letztbegründung und Positivität. Zur Kritik des Diskursbegriffes bei Jürgen Habermas und Michel Foucault, Frankfurt am Main: Lang.

Gillmor, D. 2004: We the media – Grassroots Journalism By The People, For The People, Sebastopol: O’Reilly Media.

Randow, G. von 2006: Es bloggen die Blogger im rauschenden Netz, in: Die Zeit, 09.03.2006.

Blood, R. 2002: We’ve got blog. How weblogs are changing our culture, Cambridge: Perseus.

Bunz, M. 2000: Das Netz als Diskursmaschine, in: Telepolis, 26.06.2000.

Bowman, S., Willis, C. 2003: We Media. How audiences are shaping the future of news and information

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