4.2 Dynamisches Internet: Klimarettung mit „Virtual Earth“ und elektronische IDs mit „Windows Live“ (Anke Domscheit)

Der Beitrag verdeutlicht anhand von zwei Anwendungsbeispielen, dass das Web 2.0 kleinen und mittleren Kommunen den Weg in modernes E-Government öffnet – und zwar mit dem Einsatz von Standardsoftware. Die Umsetzung erfordert weder Mehrjahrespläne noch sprengt sie den kommunalen Haushalt.

 

I. Interaktivität erfordert neue Technologien

Bürger wünschen sich heute mehr Transparenz und mehr Partizi­pations­möglichkeiten. Demgegenüber wüssten kommunale Entscheider gerne mehr über die Meinung ihrer Wählerschaft, um politische Entscheidungen besser zu priorisieren. E-Government mit Web-2.0-Angeboten kann hierfür ein Schlüssel sein.

Interaktive Kommunikationsformen, die für Web-2.0-Anwendungen ty­pisch sind, verlangen nach neuen Technologien, die eine Reihe von Anforderun­gen zu erfüllen haben. Diese müssen den Usern ermöglichen, selbst zum Editor von Web-Inhalten zu werden – und dies womöglich gleichzeitig und in großer Zahl. Sie wollen miteinander kommunizieren, Inhalte austauschen, Meinungen, Wünsche und Kritiken äußern, und zwar in einer sicheren Um­gebung, zu jeder Tageszeit und von jedem Ort – natürlich auch mobil.

Auf einer einzigen dynamischen Web-2.0-Seite finden sich heute Daten aus Quellen unterschiedlichster Herkunft und unterschiedlichster Art. Früher statische Städtehomepages zeigen heute lebendige Mash Up-Seiten, gefüllt mit Text, Fotos, Videos und allen Arten Daten und Fakten, sei es zum aktuellen Stadt-Wetter (mit Webcam) nebst Vorschau, dem Blog des Bürgermeisters, Videos lokaler Events – wie Prominentenbesuche, Karnevalsfeiern oder Stadtfeste, RSS-Feeds zu Bauvorhaben, Verkehrsstörungen oder Beschlüssen der Stadtverordneten, historischen Berichten und aktuellen Veranstaltungen, Informationen für die Wohnbevölkerung, Touristen, Junge und Alte – bis hin zu Bürgerdiensten, wo die internet-affine Bürgerin die Hundesteuer und Knöllchen online zahlt, der schon legendäre portugiesische Friseur sein künftiges Berliner Gewerbe online anmeldet und diese administrativen Prozesse mit den Fachanwendungen der eigenen Verwaltungen und möglicherweise mit denen von Behörden auf Landes- und Bundesebene integriert sind (wenn wir die Umsetzung der EU Dienstleistungsrichtlinie einmal vorweg nehmen). Alles das soll natürlich einfach und fehlerfrei funktionieren, bezahlbar sein und sicher.

All dies verlangt viel von Technologie – insbesondere einen hohen Grad an Standardisierung, um das Zusammenspiel der verschiedenen multimedialen Inhalte mit aller Arten Herkunft problemfrei zu ermöglichen. Leistungsfähige Standardsoftware kann diese Anforderungen erfüllen und ist gleich­zeitig so einfach angelegt, dass auch kleinere Städte und Kommunen sich ihre Blogs und Wikis ebenso wie Foto- und Videodatenbanken anlegen kön­nen, oder Standortinformationen mit Satellitenbildern verknüpfen – alles mit ein paar Tastenklicks.

In den nachfolgenden Fallbeispielen wird beschrieben, wie einzelne Software-Werkzeuge diesen Anforderungen gerecht werden und Web 2.0 in der Praxis ermöglichen. Dabei handelt es sich um Standardsoftware oder frei verfügbare Microsoftprodukte, die nachfolgend kurz beschrieben werden.

Virtual Earth:

Virtual Earth stellt eine zoom-fähige Karte der Erde dar, mit 2D Ansicht (Kartenansicht), 3D Ansicht (Satellitensicht) sowie einer Vogelperspektive (3D gekippt), mit Pinpoint Funktionen zum Markieren und Kommentieren bestimmter Standorte. Sie dient zur eigenen Information oder ist freigegeben für andere User. Virtual Earth kann mit anderen Daten verknüpft werden und ermöglicht dann u.a. Anwendungen wie Fixmystreet, über die Bürger Probleme mit der materiellen Infrastruktur ihres Wohnumfelds melden können. Virtual Earth wird in beiden nachfolgend beschriebenen Fallbeispielen eingesetzt.

Windows Live:

Bei Windows Live handelt es sich um ein kostenfreies Angebot für alle Bürger, das über eine Live ID den Zugang zu einer Reihe Diensten ermöglicht, die aktive Web-2.0-User benötigen. Zu diesen Diensten zählen u.a. ein E-Mail-Konto mit 5 GB Speicherplatz, Instant Messaging, ein eigener Ka­lender für Termine und Verabredungen eigene virtuelle Speicher für Daten sowie für Foto- und Videoalben, bei denen man selbst entscheiden kann, ob man sie anderen, der ganzen Welt oder niemandem zugänglich machen möchte. Außerdem gibt es einen Blog-Bereich, der wie auch die Fotoalben nicht nur am Computer sondern zusätzlich mobil beschrieben werden kann. Windows Live wird im zweiten Fallbeispiel Elektronische ID verwendet.

 

II. Bürgerfeedback ergänzt EU-Daten: www.eyeonearth.eu     (Case Study) 

Die Europäische Umweltagentur (EUA) hat im Sommer 2008 ein ehrgeiziges Vorhaben gestartet: 500 Millionen Europäer sollen in Echtzeit Umweltinformationen über elektronische Landkarten zur Verfügung gestellt werden – mit der Möglichkeit, selbst diese Informationen zu ergänzen. Für die Direktorin der Agentur, Jacqueline McGlade, ist dies ein notwendiger Schritt: „Unsere Umwelt wird natürlich durch massive globale und nationale Faktoren beeinflusst, aber sie wird auch beeinträchtigt durch die täglichen Aktivitäten – egal wie klein sie sein mögen – jedes einzelnen europäischen Bürgers. Wenn wir alle Anstrengungen koordinieren wollen, um echte Verbesserungen zu erreichen, müssen wir neue Wege finden, um Bürger zu informieren und einzubinden bei einem Thema, das für unsere gemeinsame Zukunft von höchster Wichtigkeit ist.”

Für das geplante Global Overservatory for Environmental Change ist eine moderne, Web-2.0-fähige Technologie ein kritischer Faktor, um das Ziel zu erreichen, das daraus besteht, politischen Entscheidern sowie Bürgern qualitativ hochwertige Informationen ausreichend und in einer Form bereit zu stellen, die es ihnen ermöglicht, sinnvolle Entscheidungen mit Auswirkungen auf die Umwelt zu treffen – oder von politischen Entscheidern auf lokaler und nationaler Ebene zu verlangen.

Die EUA wird in einem Online-Portal Umweltindikatoren veröffentlichen, darunter Daten zur Wasserqualität, zu Verschmutzungen in Luft und Boden sowie zum Ozongehalt. Alle Daten werden in eine zoomfähige Weltkarte integriert, in der Details bis auf Straßenniveau zugänglich sind – ein Detailgrad, wie er bisher im Umweltmonitoring nicht existierte.

Die dafür erforderlicher Datenmenge kann die EUA nicht mehr allein zur Verfügung stellen. Hier werden Beobachtungen von Millionen Menschen genutzt, die ihre konkreten Erkenntnisse im Portal für alle User bereitstellen. Auch Mitglieder der vielen lokalen und regionalen Umweltschutzverbände oder Vereine zum Schutz einheimischer Tiere und Pflanzen können künftig ihre Daten in das Portal einstellen und so regionenübergreifend Zustand und Veränderung von Ökosystemen erkennbar machen.

Ende Juli ging die erste Stufe von eyeonearth.eu live. Auf einer Virtual Earth-Weltkarte sind vorerst Wasserqualitäten europäischer Strände abrufbar. Durch Zoomen sind einzelne Strände und ihre offiziellen Bewertungen der Wasserqualität sichtbar – ergänzt um die (inoffiziellen) Bewertungen von Bürgern, die sich vor Ort eine Meinung zur Wasserqualität gebildet haben.

Transparenz schaffen über Sachverhalte mit politischer Relevanz und hohem Interesse auf Seiten der Bürger – das ist ein Hauptzweck von Web-2.0-Anwendungen im E-Government. Eyeonearth.eu zeigt, wie Transparenz die Entscheidungen in einzelnen Kommunen beeinflussen kann, da Umweltdaten auf Gemeindeebene der breiten Öffentlichkeit zugänglich werden. Es werden jedoch nicht nur die lokalen Daten sichtbar, sondern damit gleichzeitig vergleichbar mit den Daten anderer Gemeinden und Regionen. Die Auswirkungen von Unfällen oder industriellen Aktivitäten, die die Umwelt verschmutzen, werden erkennbar an ihren Folgen für Wasser, Luft und Boden und wie sich diese im Laufe der Zeit verändern. Eyeonearth.eu stellt nicht nur aktuelle sondern auch historische Daten vergangener Jahre bereit und macht so sowohl positive als auch negative Veränderungen transparent.

Jede Nutzergruppe kann einschätzen, welche Konsequenzen ein Ortswechsel – ob temporär (z.B. ein Urlaub) oder auf Dauer angelegt (Umzug oder Ansiedlung von Unternehmen) – für die eigene Gesundheit oder die von Angehörigen bzw. (falls es sich um das Management eines Unternehmen handelt) von Mitarbeitenden haben kann. Bürger können besser einschätzen, welche Folgen unsaubere Unternehmen der Region auf ihre Lebensqualität haben und mit mehr Informationen als bisher Fragen und Forderungen an ihre politischen Vertretungen stellen. Damit hat eyeonearth.eu das Potenzial, ein starkes europäisches Instrument zu werden, um positive Veränderungen zu beschleunigen und den Klimawandel zu stoppen.

 

III. Elektronische ID in Mailand und an der   University of Pennsylvania (Case Study) 

Mailand, zweitgrößte Stadt in Italien (1,2 Mio Einwohner), und die Universität von Pennsylvania (20.000 Studierende) haben auf den ersten Blick wenig gemeinsam. Dennoch wird durch beide die gleiche Basistechnologie genutzt, um Einwohnern bzw. Studierenden mit Web-2.0-Funktionalitäten auszustatten und eine engere Bindung zwischen Verwaltung und Bürgern respektive zwischen Universität und Studierenden zu ermöglichen.

An der Universität in Pennsylvania sah man sich auch hierzulande bekannten Problemen ausgesetzt: veraltete Technik, unzufriedene Studierende und wenig Ressourcen, um diesen Umstand zu beheben. Mit der 2007 erfolgten Bereitstellung von kostenlosen Windows Live IDs für ihre Studierenden und der damit verbundenen Verlagerung des E-Mail-Betriebs auf einen externen Dienstleister konnte man in kürzester Zeit die Leistungen für Studierende verbessern und ihrem Ruf nach zeitgemäßen Werkzeugen für die Online-Kooperation und -Kommunikation gerecht werden. Dazu gehörten nicht nur eine E-Mail-Adresse mit der Endung der Universität und hinreichend Speicherplatz auch für größere Multimedia-Anhänge, sondern auch Instant Messaging für die schnelle Kommunikation per Chat – mit Text, Audio (VoIP) oder sogar Video. Die Zusammenarbeit und Vernetzung wird erleichtert durch

  • Kalender, in denen gemeinsame Termine angelegt und verschickt werden können (auch durch die Universität),
  • Skydrives (virtuelle Speicherplätze), in denen Studierende Daten für sich selbst oder für den Zugriff durch bestimmte Gruppen ablegen können, z.B. wenn sie gemeinsam an einem Projekt arbeiten,
  • Blog-Bereiche, in denen Studierende Texte, Bilder und Videos veröffentlichen können, und
  • eine direkte Kontaktmöglichkeit der Universität mit ihren Studierenden auch über ihre Studienzeit hinaus.

Die E-Mail-Adresse Vorname.Nachname@upenn.edu bleibt auch nach Studienende gültig und kann dann der Alumnipflege dienen.

Anders als in Pennsylvania, wo der Wunsch nach mehr Web-2.0-Funktionalitäten eher von den Studierenden selbst geäußert wurde, kam in Mailand die Idee von den Stadtvätern und -müttern. Man suchte nach einer Möglichkeit, die Akzeptanz der Bürger für E-Government-Dienste der Stadt zu verbessern und – analog zu Pennsylvania – eine engere Bindung zu den Einwohnern zu erreichen.

Die Windows Live ID für alle Bürger ab 15 Jahre wird seit März 2008 nach nur 2,5 Monaten Umsetzungszeit unter dem Titel „Mailand Semplice” (Mailand ganz einfach) angeboten und wie in Pennsylvania enthält sie E-Mail-Adressen, die eine Verbindung zum Dienste-Anbieter enthalten: vorname.nachname@Mailandsemplice.it, Mailboxen, Skydrives als virtuelle Spei­cher­plätze, Instant Messaging auch mit Internet-Telephonie, Kalender, ge­mein­sam nutzbare Speicherbereiche sowie Blogs, in denen Bürger sich einander mitteilen können.

Dennoch steht das Vorhaben von Mailand in einem anderen Kontext. Die Stadt fasst unter dem Programmnamen Mailand Semplice verschiedene Vorhaben der Verwaltungsmodernisierung und des Bürokratieabbaus zusammen. Mailand wollte bürgernäher werden und die Lebensqualität der Bürger verbessern. Es folgte der Beschluss, mehr dezentrale Bürgerbüros zu schaffen, ein Call-Center mit rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeit zur Verfügung zu stellen und ein neues Portal aufzubauen, das den Einwohnern der Stadt neue Dienste bietet, die mit der zu diesem Zweck bereitgestellten digitalen Bürger-Identität genutzt werden können. Die Angestellten der Stadt werden die Live IDs der Bürger als bevorzugten und zertifizierten Kommunikationskanal verwenden, der auch über mobile Endgeräte abrufbar ist. Bürger-E-Mails, die zertifiziert von einer Mailand Semplice ID kommen, werden von der Stadt bereits jetzt als vollwertige schriftliche Kommunikation anerkannt.

Weitere Web-2.0-Dienste sind auf der Basis der Live ID möglich und be­reits geplant, u.a. Newsletter der Stadt und Versand von Informationen mit öffentlichem Interesse (Alerts), Verkehrs- und Stauinformationen, Stadtpläne mit Baustellen, Stadtentwicklungsvorhaben, Umleitungen auf der Basis von Microsoft Virtual Earth. Künftig wird die Entwicklung personalisierbarer Web 2.0 Angebote für die Bürger von Mailand im Fokus stehen.

 

IV. Web 2.0 mit Standardsoftware öffnet kleinen und mittleren   Kommunen den Weg in modernes E-Government

Zwei Aspekte werden durch die beschriebenen Fallbeispiele deutlich. Erstens erfordert die Umsetzung von Web-2.0-Komponenten in der Verwaltung weder Mehrjahrespläne noch sprengt sie den kommunalen Haushalt. Beim Einsatz von Standardsoftware bleiben Kosten kontrollierbar, die Interoperabilität der Produkte ist sehr hoch. Expertise für die Integration von Microsoft-Software an die Anforderungen einzelner Kommunen ist bei Tausenden Microsoftpartnern verfügbar, das Angebot ist dadurch umfassend, der Wettbewerb hoch und Kosten werden einfach vergleichbar. Kleine und mittlere Kommunen können dadurch leichter mit den E-Government-Angeboten großer Städte Schritt halten: ein Faktor mit wachsender Bedeutung für die Zufriedenheit der Bürger. Gerade bei jungen Bürgern ist der Anspruch an das Web hoch – sie erwarten von ihrer Kommune Partizipation und Transparenz, wie sie sie von Amazon und YouTube kennen.

Zweitens werden mehr und mehr Web-2.0-Angebote für das E-Govern­ment auf überregionaler Ebene bereitgestellt, die für Kommunen Chancen und Risiken bergen und auf deren Inhalte Kommunen wenig Einfluss haben. Am Beispiel www.eyeonearth.eu wird diese Entwicklung deutlich. Es wer­den qualitative Standortfaktoren mit Relevanz für Bürger sowie Unterneh­men transparent, die im Vergleich zu anderen Kommunen zu einer Verbes­serung oder Verschlechterung der relativen Attraktivität eines Standortes führen können – je nach Umweltqualität. Entscheider in Kommunen können jedoch die auf www.eyeonearth.eu frei verfügbaren Informationen ihrerseits für die Priorisierung von Investitionen oder politische Entscheidungen nutzen und damit diese qualitativen Standortfaktoren zum Vorteil der Gemeinde mindestens mittelfristig beeinflussen.

 

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