4.4 Gemeinde 2.0 — Das Beispiel der Stadt Wörgl in Tirol (Arno Abler)

Das Projekt vivomondo, das derzeit in der Stadt Wörgl/Tirol umgesetzt wird, zielt auf kommunale Online-Bürgerbeteiligung im denkbar wei­testen Sinn in Politik und Verwaltung (E-Politics, E-Government) und verfolgt konsequent die Regionalisierung des Internets. Dabei werden Wikis, Blogs, Social Networks und zahlreiche weitere Web-2.0-Kom­po­­nenten eingesetzt.

 

I. Web 2.0 als folgenreicher Mythos

Das „Web 2.0″, das im Jahr 2004 erstmals so genannt wurde und heute von jedermann zitiert wird, ist in Wahrheit ein Mythos. Es gibt keine neu veröffentlichte Version des Internets wie bei einer Software, wo man diese Nummerierung zur Kennzeichnung einer neuen – meist wohl verbesserten – Programmversion kennt . Und obwohl niemand in der Lage ist, diesen Begriff exakt zu definieren, hat sich ein breiter Konsens unter Insidern durchgesetzt, was denn nun das Neue am Web 2.0 ist. Als ganz zentraler Faktor gehört dazu die aktive Erstellung und Betreuung der Inhalte durch alle Nutzer anstatt ausschließlich durch zentrale Redaktionen, in unserem Fall durch Gemeinden. Das Web 2.0 erweitert die bisherige Relation „Einer zu Viele” in Richtung „Viele zu Viele”.

Im Kommunalbereich hat man von diesen Veränderungen bisher nur wenig gespürt. Die Information der Bürger durch die Verwaltungsorgane und die Politik steht nach wie vor im Vordergrund. Das Web wird als Mitteilungsplattform gesehen, wo Ansprechpersonen, Amtszeiten und wichtige Termine für den interessierten Bürger zu finden sind. Natürlich muss ein kommunaler Webauftritt diese Anforderungen bewältigen, aber man spricht ja bei den Ausstattungsmerkmalen eines neuen Autos auch nicht mehr davon, dass es vier Räder und ein Lenkrad hat.

 

II. E-Government & Co.

Hinter den Kulissen denken Entwickler, Juristen und Beamte bereits sehr intensiv über E‑Government – konkret: den Workflow elektronischer Akten – nach. Damit wird in nächster Zeit enormes Rationalisierungspotenzial in den Gemeinden freigesetzt und die Bearbeitung der Verwaltungsprozesse wesentlich transparenter und effizienter. Dabei handelt es sich um einen wichtigen, aber auch mühsamen Schritt, der keiner Gemeinde in den nächsten Jahren erspart bleiben wird. Das spannende 2.0-Attribut dabei wird der Zugang des Bürgers zu seinen Akten und Verfahren über das Internet wer­den.

Aber E-Government ist noch nicht einmal „die halbe Miete”. Eine Ge­meinde besteht ja nicht nur aus der öffentlichen Verwaltung. Die weiteren Akteure, die sich im 2.0-Szenario zu Wort melden, sind die Politiker, die Wirtschaft und die Bürger selbst. Die Werkzeuge zur Einbindung all dieser kommunalen Mitspieler in eine gemeinsame Gemeindeplattform sind bereits geeicht und poliert. Sie stehen heute bereits zur Verfügung. Die wichtigsten sind Blogs, Wikis, Social News und Social Communities.

Blogs

Die Möglichkeit, die Beiträge durch die Leser zu kommentieren, macht Blogs zu einem ausgezeichneten Forum, um mit dem Autor zu diskutieren. Obwohl Blogs derzeit meist durch private User und langsam auch Unternehmen zur Kommunikation genutzt werden, wird dieses Instrument in Zukunft vor allem Politikern auf allen Ebene helfen, mit ihren Bürgern in direkten Kontakt zu treten, Meinungen zu erforschen, eigene Entscheidungen zu erläutern und das Ohr ganz nah am Volk zu halten. Neben Bürgermeisterblogs an der Front der kommunalen Meinungsvielfalt werden künftig vor allem die Gemeindeverwaltungen als Institution in Gemeindeblogs abseits politischer Sperrfeuer aktuelle Entwicklungen veröffentlichen und zur Diskussion stellen. Denn: Das Web 2.0 wird die Rahmenbedingungen politischen Entscheidens massiv verändern. Der Kontakt von Amtsträgern zu den Menschen wird unmittelbarer und die Verantwortung für transparente Entscheidungen steigt. Der Bürger ist bestens informiert und bringt sich über die neuen Kanäle noch aktiver ein als bisher. Er wird mehr an Kommunikation fordern, akzeptiert aber auch zunehmend die Komplexität der Entscheidungsprozesse.

 

Wikis

Regional- oder Stadtwikis bieten künftig alle erdenklichen Informationen von Bürgern für Bürger über das unmittelbare Lebensumfeld an. Diese erreichen aufgrund der lediglich lokalen Bedeutung üblicherweise nicht die hohen Relevanzkriterien der bekannten Online-Enzyklopädie Wikipedia. Sie sind aber für die Bewohner vor Ort mindestens gleich wichtig wie die Details zum Eiffelturm.

Woher kommt der Name meiner Straße? Welche Vereine gibt es hier und was wird dort gemacht? Welche Sehenswürdigkeiten bietet meine Heimatgemeinde? Welche historischen Ereignisse waren hier in der Gegend prä­gend? Welche bekannten Persönlichkeiten hat meine Stadt hervorgebracht? Welche überlieferten Kochrezepte, Bräuche und Traditionen gibt es in dieser Region?

Fragen wie diese und noch viele mehr kann niemand besser beantworten als das Kollektiv aller Bewohner vor Ort. Sie bewahren in Summe das ge­samte Wissen einer Gemeinde oder Region und können es Dank der neuen Möglichkeiten in der 2.0-Gemeinde endlich auch zusammentragen und für alle zugänglich machen. Jeder weiß ein bisschen, und alle zusammen wissen alles, was es zu wissen gibt.

Social News

Das Werkzeug der Social News ist den herkömmlichen Massenmedien naturgemäß ein Dorn im Auge, kann es ihnen doch langfristig „die Butter vom Brot nehmen”. Durch das „Mitmachnetz” ist heute jeder in der Lage, interessante Neuigkeiten ohne den Umweg über Pressekonferenzen oder PR-Aussendungen selber zu veröffentlichen. Gerade im kommunalen, nachbarschaftlichen Bereich ist vieles interessant, das den Eingang in die Lokalzeitung aus Platzgründen nicht findet. Das Kinderfest im städtischen Kindergarten, die Meisterschaft des ansässigen Keglervereins, das Firmenjubiläum des Bäckermeisters an der Ecke oder die kurzfristige Verkehrsbehinderung durch eine Straßensanierung finden nur selten Niederschlag in den Printmedien, wären aber wohl für die Nachbarschaft schön zu lesen.

Das Web 2.0 bietet Raum für all diese Berichte aus erster Hand sowie das Werkzeug, sie ohne große Streuverluste nur den jeweiligen Interessenten zu zeigen. Die Community der User entscheidet selbst, welche Beiträge wichtig, hochwertig oder einfach nur lesenswert sind, und befördert diese durch ihre Bewertungen in den Aufmerksamkeitsfokus der Öffentlichkeit. Die übrigen versinken dagegen in das ewige Vergessen.

Social Networks

Netzwerke sind der Schlüssel zum Erfolg. Wer mehr Leute kennt, hat mehr Chancen, Probleme zu lösen, Interessen zu vertreten, Meinungen zu beeinflussen, Wissen zu erlangen oder einfach nur Freunde zu finden. Die Königsklasse der 2.0-Gemeinde hat mit globalen Portalen wie XING, StudiVZ oder Facebook bereits etliche erfolgreiche Vorbilder. Der Clou am lokalen Ansatz ist aber, dass auch virtuelle Netzwerke vor allem dort Sinn machen, wo man die geknüpften Kontakte in die reale Welt übertragen kann.

Was nützt mir ein Kontakt nach Australien außer für gelegentlichen Online-Tratsch und die Vervollständigung der ozeanischen Briefmarkensammlung? Der wahre Nutzen eines virtuellen sozialen Netzwerks zeigt sich dann, wenn man sich auch auf einen Kaffee treffen, gemeinsame Interessen leben und zusammen Projekte umsetzen kann.

All diese Werkzeuge bieten sich einer modernen Gemeinde grundsätzlich bereits, allerdings unstrukturiert und kaum zugeschnitten auf lokale Anforderungen. Es gibt frei verfügbare Wiki-Software, Blog-Portale, Content-Ma­nagement-Systeme, um News zu schreiben und zu verwalten und auch die genannten sozialen Netzwerke, in denen man Leute nach ihrer Wohnsitzgemeinde suchen kann. Aber all das zusammen kompakt für eine einzelne Gemeinde gab es bisher noch nicht. Sie sehen, ich verwende das Imperfekt, weil ich nun die Lösung des Problems vorstellen werde.

 

III. vivomondo

Gemeinsam haben wir in der Tiroler Kleinstadt Wörgl das Regionalportal vivomondo entwickelt. Es bündelt neben den Standardanforderungen an einen barrierefreien, kommunalen Webauftritt alle verfügbaren Informationen von Bürgern, Vereinen, Institutionen, Verwaltung und Politik dort, wo sie gebraucht werden und sinnvoll genutzt werden können – nämlich direkt beim Interessensmittelpunkt des Benutzers. Das ist im Nor­malfall sein Wohnsitz, kann aber auch der Arbeitsplatz oder vorübergehend das Urlaubsdomizil sein.

vivomondo ist ein Wort aus der Kunstsprache Esperanto und bedeutet etwa „das Leben der Welt”. Jedem einzelnen Element – ob Wiki, Blog, Newsbeitrag, Veranstaltung, Foto, Kleinanzeige, Unternehmen oder Benutzer – sind dabei fixe Geokoordinaten zugeordnet. Dadurch sind die Antworten auf alle an das System gestellten Fragen sofort sinnvoll nutzbar. Beispiele sind:

  • Wo kann ich einen Golfschläger kaufen? – Die Antwort ist die Auflistung aller Anbieter von Golfausrüstungen in der Reihenfolge ihrer Entfernung von meiner Wohnung.
  • Was gibt es Neues im Sport? – Die Sportereignisse in einem frei wählbaren Umkreis in der Reihenfolge ihrer Aktualität sind das praktisch nutzbare Ergebnis.
  • Wer von meinen Freunden ist gerade online? – Die Antwort ist eine Karte meiner Gemeinde, auf der die derzeit aktiven Mitglieder meines Netzwerks angezeigt werden, mit denen ich sofort in Kontakt treten kann.
  • Ich möchte am Abend ein Konzert besuchen! – Der Terminkalender zeigt alle Konzerte von heute in einem Umkreis, der mir für die Anfahrt gerade noch zumutbar erscheint.

Alle Einträge können von den Bürgern bewertet (Rating) und verschlag­wortet (Tagging) werden, sodass sich dadurch einerseits ein objektives Bild der Qualität der Beiträge ergibt. Andererseits wird die Auffindbarkeit der Informationen für andere Benutzer erleichtert.

Das vivomondo-System steht ab sofort allen Gemeinden des deutschen Sprachraums zur Verfügung und wird ständig weiter entwickelt. Es stellt den Anspruch, die zahlreichen Anforderungen einer Kom­mu­ne an das Internet so weit wie nur möglich zu erfüllen. Anfragen richten Sie bitte an den Autor dieses Artikels.

Finanziert wird das Portal durch die ansässigen Wirtschaftsbetriebe, welche hier einen geringen jährlichen Beitrag leisten, um ihre Angebote lokal und individuell fokussiert kommunizieren zu können.

Nachdem alle Einträge des vivomondo-Systems in Datenbanken verwaltet werden, ist bereits eine semantische Suche in Ansätzen möglich. Doch dieser Aspekt führt uns bereits zum Web 3.0 – und ist eine andere Geschichte.

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